Knien oder nicht knien

Die italienische Nationalmannschaft wird sich vor dem nächsten Spiel hinknien, aber…

Fußball ist politisch (geworden) und manch einem Spieler der italienischen Nationalmannschaft wäre es zur Zeit wohl lieber, sie könnten einfach über ihre Chancen sprechen, Europameister 2021 zu werden (oder wäre es dann Europameister 2020?). Aber so einfach ist es nicht. Vor dem Spiel Italien-Wales kniete sich die Waliser Mannschaft im Zeichen der Black Lives Matter-Bbewegung hin. Von den italienischen Spielern beteiligten sich nur fünf – und seither wird diskutiert, über die richtige Geste.

Das Problem an symbolischen Gesten ist, dass sie auf den Punkt kommen , authentisch und spontan wirken müssen – selbst, wenn sie lange geplant sein sollten. Die spontane Reaktion der italienischen Mannschaft auf den Kniefall der Waliser war nun eben geteilt. Das kann letztlich nicht mehr aufgehoben oder geändert werden, auch wenn in einem nächsten Spiel sich die ganze Mannschaft hinknien sollte.

Das wird voraussichtlich kommen, beim Viertelfinale gegen Belgien. Doch inzwischen gab es Wortmeldungen einiger Spieler, Bonucci und Chiellini etwa, sowie des Verbandes FIGC, welche die Überzeugungskraft, die hinter dieser Geste stehen könnte, weiter schwächten. Man werde darüber reden und gemeinsam entscheiden, sagte Bonucci knapp. Chiellini erläuterte: Wenn die Initiative von der anderen Mannschaft kommt, dann würde man mitmachen, aus Solidarität. Aber solange keine Anfrage gestellt würde, stelle sich das Thema nicht – wie etwa im Spiel gegen Österreich. Also letztlich eine Frage, die die anderen zu entscheiden haben. Eigene Position? Fehlanzeige.

Auch Trainer Roberto Mancini behandelte das Thema knapp: Das wichtigste in diesem Zusammenhang sei die Freiheit – zur individuellen Entscheidung, meinte er wohl. Der italienische Fußballverband stellte ebenfalls den Spielern frei, wie sie reagierten, betonte aber laut La Repubblica, dies sei nicht gleichzusetzen mit einer Unterstützung der Black Live Matters-Bewegung. Natürlich, kein Spieler sollte gezwungen werden, das würde den Sinn der Geste erst recht entleeren.

Aber nun? Sie schließen sich der Geste an, aber nicht der Bewegung? Sie solidarisieren sich – ja mit wem eigentlich? Mit den Spielern der gegnerischen Mannschaft, die sich der Bewegung angeschlossen haben, aber nicht mit der Bewegung selbst?

Es scheint, als traue sich hier niemand richtig aus der Deckung, weder in die eine noch in die andere Richtung. Nein sagen, kommt nicht in Frage. Aber aktiv Ja sagen? Du zuerst, scheinen sie den anderen Mannschaften zuzurufen, nur um selbst keine wirkliche Entscheidung treffen zu müssen. Es ist aber auch ein Dilemma: In dem Moment, wo sie den Zeitpunkt zur spontanen und deshalb überzeugenden Reaktion verpasst hatten – vor dem Spiel gegen Wales – konnte alles weitere nur fadenscheinig wirken, im besten Fall: Ein gemeinsamer Kniefall vor dem nächsten Spiel? Eine späte Geste der Korrektur als Reaktion auf die Kritiker. Erst recht kein gemeinsamer Kniefall, in keinem der kommenden Spiele? Italien verweigert antirassistisches Statement.

Die Unsicherheit der italienischen Fußballnationalmannschaft im Umgang mit dem Kniefall zeigt, dass Italiens Fußball wie wohl auch die ganze Gesellschaft Nachholbedarf hat. Es reicht nicht zu sagen: Wir sind doch eh alle antirassistisch. Es fehlt offenkundig an einer Sensibilisierung, an einem tieferen Verständnis das, was Rassismus ist, wie er wirkt und wie man ihn bekämpft. Rassismus ist etwas, das anderen zustößt, an dem ich mich nicht beteilige, weil das nichts Gutes ist, so klingt es derzeit zwischen den Zeilen. Wirkliche Solidarität hieße symbolisch zu kommunizieren: Rassismus ist etwas, was meinem Freund zustößt, und ich beteilige mich daran, obwohl ich es nicht will – und gerade deshalb stehe ich im Kampf an seiner Seite.

Kniefall mit den Belgiern ja oder nein, Italien hat die Chance für eine wirklich große Geste schon längst verpasst.